Schneeweißchen und Rosenrot

Eine arme Witwe lebte mit ihren beiden Töchtern in einem einsamen Häuschen am Rande des Waldes.
Im Garten davor standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen. Die beiden Töchter glichen den Bäumchen so sehr, dass man sie Schneeweißchen und Rosenrot nannte.
Beide waren so freundlich und gut, so arbeitsam und unverdrossen, dass jeder sie gern hatte.

Als eines stürmigen Winterabends ein großer Bär an ihre Türe klopfte und Einlass begehrte, erschraken sie zuerst, gewährten ihm aber Unterkunft für den Winter. In kurzer Zeit gewannen sie ihn lieb, spielten und scherzten mit ihm.
Im Frühjahr, als alles wieder grün geworden war, verließ er sie.
Schneeweißchen war besonders traurig und er erzählte ihr, dass er seine Schätze vor bösen Zwergen schützen müsse.

Eines Tages gingen Schneeweißchen und Rosenrot aus, um Reisig zu sammeln, da trafen sie im Wald auf einen Zwerg, der mit seinem Bart in einem gefallenen Baum festhing und die Mädchen um Hilfe bat.
Befreien konnten sie ihn aber nur, indem sie ein Stück seines Bartes abschnitten. Statt ihnen für seine Rettung zu danken, beschimpfte er sie und zeterte, bevor er verschwand.
Noch zweimal trafen sie auf den Zwerg und befreiten sie ihn aus misslicher Lage. Einmal hing er mit seinem Bart an einer Angelschnur, beim zweiten Mal wollte ihn ein Raubvogel forttragen.

Jedesmal wurde er grob und schrie, weil sie seinen Bart abgeschnitten und seine Kleider eingerissen hätten.

Als sie ihn ein weiteres Mal trafen, überraschten die beiden den Zwerg dabei, wie er auf einer Lichtung vor einem Haufen von Edelsteinen hockte. Im gleichen Moment tauchte der Bär aus dem Walde auf.
Erschrocken sprang der Zwerg auf und versuchte, sein Leben zu retten, indem er dem Bären Edelsteine versprach und die beiden Mädchen zum Fraß feilbot.
Doch der Bär kümmerte sich darum nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze und es regte sich nicht mehr.
Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach und sie erkannten seine Stimme.
Sie wandten sich um und in dem Moment fiel das Bärenfell von ihm ab. Er stand da als schöner junger Mann in goldenem Gewand und erzählte ihnen, dass er von dem grausamen Zwerg seiner Schätze bestohlen und zugleich von ihm verwünscht worden war, als wilder Bär umherzustreifen, bis dass er durch den Tod des Zwerges erlöst würde.

Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder. Gemeinsam mit der Mutter lebten sie glücklich am Königshofe.

Die zwei Rosenbäumchen standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.