Frau Holle

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere aber hässlich und faul.
Weil die zweite aber ihre rechte Tochter war, hatte sie diese viel lieber. Und die erste musste alle Arbeit im Haus und auf dem Hof verrichten.
Als sie einmal beim Brunnen spann, stach sie sich an der Spindel. Wie sie die Spindel nun waschen wollte, fiel sie in den Brunnen und versank.
Aus Angst vor der Stiefmutter sprang das Mädchen in die Tiefe und der Spindel hinterher. Doch statt in kaltes Wasser zu fallen, stand sie auf einer endlosen, wunderschönen Wiese, über ihr der blaue Himmel.
Sie ging voran und kam zu einem Backofen, der war voller Brotlaibe, die riefen: „Zieh uns heraus, zieh uns heraus, sonst verbrennen wir.“ Das Mädchen holte nacheinander alle Brote heraus.
Dann ging es weiter und begegnete einem Apfelbaum, der ihr zurief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, meine Äpfel sind alle miteinander reif.“ Da schüttelte es den Baum, bis kein Apfel mehr daran hing.
Endlich kam es zu einem Haus, aus dem eine alte, freundliche Frau herausblickte. Sie sprach: „Guten Tag, mein Kind, ich bin die Frau Holle. Sage mir, was dich zu mir führt.“
Das Mädchen erzählte, wie es ihm ergangen war, und Frau Holle bot ihr an, bei ihr zu bleiben. „Hilf mir im Hause. Es soll dir gut gehen, wenn du nur den Haushalt emsig erledigst und die Betten fleißig ausschüttelst, so dass die Federn fliegen. Dann schneit es in der Welt und alle Kinder freuen sich.“

Viel Zeit ging ins Land, bis das Mädchen Frau Holle um die Heimreise bat.
Weil es so fleißig und gut war, wurde das Mädchen beim Abschied von Frau Holle mit einem prächtigen Goldregen belohnt.
Als es nach Hause kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: „Kikeriki, Kikeriki, unsre Goldmarie ist wieder hie!“
Als die faule Stiefschwester das Gold sah, wurde sie so neidisch, dass auch sie in den Brunnen sprang, damit ihr das gleiche Glück widerführe.
Sie zog aber weder die Brote aus dem Ofen, noch schüttelte sie die Äpfel vom Baum, und als sie in die Dienste von Frau Holle trat, erledigte sie die Hausarbeit mehr schlecht als recht.
Die Betten schüttelte sie schließlich gar nicht mehr aus, so dass es auf der Erde nicht mehr schneien wollte und die Kinder im Winter vergeblich zum Himmel schauten.

Als die Stiefschwester nun ihren Lohn verlangte, erhielt sie anstatt des Goldes einen schwarzen Pechregen, der an ihr haften blieb. Und als sie nach Hause kam, krähte der Hahn schon von weitem: „Kikeriki, Kikeriki, unsre Pechmarie ist wieder hie!“

Fortan nannte man im Dorf die eine „Goldmarie“ und die andere „Pechmarie“.